Als ich begann, an meinem ersten Roman zu arbeiten, las ich viele Blogartikel, um mir erst einmal ein Grundwissen anzureichern. Wie plane ich meine Geschichte, worauf muss ich achten beim Erstellen authentischer Figuren und wie erzeuge ich Spannung?
Es gibt tausende Texte da draußen mit unzähligen Tipps und Ratgebern, und ich habe hunderte von ihnen auf Pinterest gespeichert, um sie später nachzuschlagen.
Aber ganz ehrlich? Nach jedem Absatz zu unterbrechen und mal eben schnell nachschlagen? Irgendwann kam ich nicht mehr hinterher. In diesen Momenten habe ich mir gewünscht, eine Schreib-Bibel läge vor mir, eine Enzyklopädie, wo alles drin steht. Kurz, prägnant, übersichtlich.
Geschichten mögen zur Kunst zählen, doch in ihrem Schaffensprozess sind sie Handwerk. Schreiben ist Handwerk. Stelle es Dir vor wie ein Stück Marmor -riesig, schwer und formlos. Du beginnst Schicht für Schicht abzutragen, zuerst grob, dann feiner. Für jedes neue Stadium benötigst Du unterschiedliche Werkzeuge. Für den Winkel das eine, für die Fläche das andere. Und genauso ist es mit dem Schreiben.
Um Dich bei der Arbeit an Deiner Geschichte zu unterstützen, lege ich Dir mit jedem kommenden Artikel die Werkzeuge in die Hand, die Du brauchst.
Ich werde Dich nicht mit Versprechungen verführen, die da klingen wie: >>Wenn Du das so machst, wird Dein Roman ein Bestseller.<< Nein, mache ich nicht, das hängt ganz von Deinen Fähigkeiten ab (und Marketing, haha!)
Aber kennst Du die Mittel, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen, bist Du solide vorbereitet. Und das ist unser Ziel. Also lass uns beginnen!
Der Kern
Worum geht es in einer Geschichte? Ich meine, was ist der Kern von dem, was wir schreiben? Warum kannst Du Deine Figuren nicht einfach ein sorgenfreies, glückliches Leben führen lassen und Du bringst das runter in ein Buch mit hübschen Cover und ein paar Charakterkarten?
*Hust* Weil das keiner lesen wird. *Hust*
Folgendes: Es gibt zwei Dinge, aus denen jede Geschichte besteht. Sie sind wie die zwei Seiten einer Medaille, egal, worum Deine Handlung sich dreht. Diese zwei sind die Grundelemente, sozusagen die Atome einer jeden Story: Veränderung und Hoffnung.
Das eine gibt es nicht ohne das andere und Deine Geschichte braucht beides.
Was macht echte Helden aus?
Trotz aller Ängste und Widrigkeiten entscheiden sie sich, eine Situation zu verändern. Sie steigen aus dem alltäglichen Trott aus und kämpfen für ihre Ziele, für ihre Lieben oder für eine bessere Welt. Das bedeutet, sie transformieren die Situation. Sie bleiben nicht auf ihrem Sofa sitzen und schauen fern, während draußen eine Alieninvasion ihre Stadt zerstört. Und sie werden nicht denken, >>was soll’s, dann ist das eben so.<<
Nein, sie werden aufstehen und sich in die Schlacht stürzen, damit die Stadt halbwegs stehen bleibt und damit ihre Lieben heil und sicher sind.
Das ist die Veränderung. Dein Held wird sich gegen die Herausforderung stellen, seine Zweifel und Schwächen überwinden und über sich hinauswachsen.
Und warum machen Deine Helden das?
Aus Hoffnung. Hoffnung auf bessere Zeiten, Hoffnung, dass es Sinn macht, sich einzusetzen, Hoffnung, dass morgen wieder ein neuer Tag beginnt.
Gleich, was Du schreibst, gleich, in welchem Genre, es könnte auch Horror oder Grimdark sein oder Noir, wo es besonders düster zugeht. In jedem Kapitel, in jeder Szene muss ein Funken Hoffnung mitschwingen, dass sich die Einsätze lohnen, dass das Ziel, das Deine Hauptfigur verfolgt, Verbesserung bringt. Wo keine Hoffnung drinsteckt, gibt es keinen Grund für Veränderung. Wo keine Veränderung stattfindet, existiert keine Handlung. Tja, und ohne Handlung hast Du keine Geschichte. Ohne Geschichte kein Buch.
Was ist also nun der Kern einer jeden Geschichte? Veränderung und Hoffnung.
Sie geben Deiner Figur die Motivation, um ihre Ziele zu verfolgen und dies ist wiederum die treibende Kraft, die sie die Handlung voranzubringen.
Prämisse
Nun schwirren Dir die Ideen durch den Kopf, der Vibe schwingt und das dritte Moodboard ist fertig, aber irgendwie kommst Du trotzdem nicht zum Schreiben?
Es ist ein bisschen so wie Kuchenbacken. Die Lust auf Süßes ist da, aber Dir fehlen die Zutaten, um einen Teig herzustellen.
Dafür gibt es Abhilfe: Die Prämisse
Sie hilft Dir, in nur wenigen Sätzen eine Basis zu erstellen, auf der Du dann aufbauen kannst.
Wer ist Dein Protagonist?
Was ist die Situation?
Was ist das Ziel des Protagonisten?
Wer ist der Antagonist?
Was ist der Konflikt?
Was ist die Katastrophe?
Beispiel: (Protagonistin) lernt einen netten Mann kennen (Situation), doch als er zum Verdächtigen in einer Mordermittlung wird und droht, verurteilt zu werden (Katastrophe), begibt sie sich auf die Suche nach dem wahren Täter (Antagonist).
Trotz aller Zweifel und Indizien (Konflikt), will sie die Unschuld des Mannes beweisen (Ziel), um seine Zuneigung für sich zu gewinnen (Motivation).
Nun, dies basiert auf einer meiner eigenen Plots, aber ich hoffe, es ist hilft zu verstehen, worum es geht.
Was nicht mit dabei ist, aber dennoch eine Rolle spielt, ist der Zeitdruck. Eine Frist gibt nochmal extra Spannung. Es reicht auch, wenn sie nicht die ganze Handlung überspannt, sondern wenn Du kleine „Frist-Sprints“ einbaust.
Die Katastrophe zeigt die Einsätze, die für Deine Figur auf dem Spiel steht. Wenn die Katastrophe eintritt, verliert sie, was sie begehrt und mit ihr erlischt auch die Motivation, die sie antreibt.

Im Grunde musst Du für Deine Geschichte nur folgende Fragen beantworten können:
Wer ist Deine Figur?
Was will sie?
Was hält sie davon ab?
Das war’s.
Show, don’t tell!
Das Schreiben ist ein Handwerk ohne viele Regeln. Es ist ein weiches, fließendes Handwerk und alles, was ich Dir zeige, sind ebenfalls keine Regeln oder Gesetze, sondern Werkzeuge, die Dir dienen sollen.
Wenn überhaupt, gibt es nur eine einzige Regel, aber die solltest Du dir merken:
ZEIGE, ERZÄHLE NICHT.
Willst Du, dass Deine Lesenden mitfiebern, wenn sich Deine Figur in Gefahr stürzt, willst Du, dass sie lachen und weinen und Deine Geschichte immer wieder aufschlagen, um eine Szene nachzulesen und nach Jahren noch darüber sprechen, dann brauchst Du folgendes: Emotionen.
Was Lesende wirklich dazu bewegt, mehr über Deine Geschichte erfahren zu wollen, sind die Emotionen, die drinstecken. Echte, authentische, sie wollen durch Deine Geschichte Verbindung mit Dir aufbauen, durch die Zeilen mit Dir kommunizieren, Dich kennenlernen.
Wie also bringen wir die Lesenden dazu, diese Emotionen zu erleben?
Indem Du Deine Handlung zeigst und nicht nur über sie erzählst.
Was aber genau bedeutet ‚zeigen‘? Wie bewirkst Du das?
Es gibt folgende Techniken:
Die fünf Sinne: Sehen, Hören, Riechen, Tasten und Schmecken
Wenn sich Deine Figur durch ihre Welt bewegt und neue Eindrücke gewinnt, beschreibe sie so klar und präzise, dass Du Bilder vor Deinem inneren Auge erzeugst-Kopfkino sozusagen.
Anstatt also „es roch nach Gebäck“ besser „der süße Duft von gebackenen Hefeteig und Zimt stieg in ihre Nase“.
Siehst Du den Unterschied? Hefeteig riecht großartig und Zimt dazu -mhmm!
Ich denke, die meisten von uns haben bereits Erfahrung mit verschiedenen Sinneseindrücken gemacht, locke diese heraus. Sei so genau wie möglich.
Selbst, wenn Du etwas beschreibst, was nicht jeder kennen kann, erzeugst Du mit den passenden Begriffen Vorstellungen davon.
Starke Verben
Verben sind wohl die Wortgruppe, die Du neben den Nomen am häufigsten verwendest und mit denen Du die stärkste Wirkung erzielst.
Willst Du Spannung und Kraft in Deinen Texten, nutze die spezifischen, wie zum Beispiel „rennen“, „pesen“, „flitzen“, „jagen“ anstatt „laufen“.
Verwende sie aber nicht bloß als Synonyme füreinander, denn genau genommen hat jedes dieser Verben eine eigene Bedeutungsfärbung und je nach Kontext passt das eine besser als das andere.
Beispiel: Er wirbelte vom Fahrrad.
Er stürzte vom Fahrrad.
Merkst Du den Unterschied? Während „wirbeln“ zwar eine Bewegung darstellt, bringt sie nicht die passende Dynamik. Wirbeln tut man zwar um die eigene Achse, aber nicht in eine bestimmte räumliche Länge.
In diesem Fall passt „stürzen“ besser, da es impliziert, dass die gefallene Person von Punkt A (Fahrrad) nach Punkt B (Boden) gelangt.
Die deutsche Sprache hat einen immensen Wortschatz, also tauche in sie ein und picke Dir genau das Wort heraus, das Deiner Handlung am treffendsten dient.
Zur Unterstützung kann ich Dir die App Dictionary of German Synonyms von Dictamp empfehlen, die nutze ich, um Synonyme zu finden.
Adjektive und Adverbien
Wie bereits gesagt, Dir steht ein riesiger Wortschatz zur Verfügung und dazu gehören auch Adjektive und Adverbien. Spoiler: Du darfst sie nutzen!
Auch wenn Stephen King sie einst verteufelt hat, lass Dich nicht beirren, Du darfst sie nutzen. Es gibt nur zwei Punkte zu beachten.
Erstens: Bevor Du auf die Idee kommst, ein schwaches Verb mit einem Adjektiv aufzubretzeln, überlege lieber, welches starke Verb Du stattdessen nutzen kannst.
Anstatt „sie ging schnell“ versuche es mit „sie sprintete“.
Anstatt „der Hund aß unordentlich“ besser „er schlabberte und schmatzte und verteilte die Fleischstücke auf dem Boden um den Napf herum“.
Und zweitens: Verwende sie in Maßen, nicht in Massen.
Was klingt wohl besser?
>>Eines nach dem anderen reihten sich die hübschen, kleinen Einfamilienhäuser mit gepflegten Vorgärten und rauchenden Schornsteinen nebeneinander und säumten die belebte Straße.<<
Okay, wenn Du ein Kinderbuch schreiben willst, mag das durchgehen, aber es klingt schon ein wenig nach Zuckerschock. Als würdest Du anstatt zwei Löffeln sechs in den Kaffee streuen. Hier kommt der Vergleich:
>>Eines nach dem anderen reihten sich die Einfamilienhäuser mit Vorgärten nebeneinander und säumten die Straße. Er schob sich zwischen den Passanten durch, sein Blick streifte über die Schornsteine, aus denen schwarzer Rauch qualmte.<<
Anstatt mit Adjektiven und Adverbien, arbeite mehr mit starken Verben, damit erzeugst Du Dynamik und beschreibst on the go, anstatt dass Deine Figur stehenbleibt und sagt: So sieht das hier aus.
Außerdem muss nicht jedes noch so kleinste irrelevante Detail genannt werden, konzentriere Dich stattdessen auf die, die für Deine Handlung tatsächlich wichtig sind.
Jetzt kennst Du drei Techniken, mit deren Hilfe Du „zeigst“. Aber bedeutet das, dass Du Deine gesamte Geschichte im Zeige-Modus schreiben sollst? Hell, no! Damit würde sie viel zu aufgebläht werden und Deine Lesenden überfordern.
>>Also, was denn nun?<<
Jeder Modus hat seine Aufgaben und Stellen, in denen sie Dir am besten dienen. Versuche, sie ausgeglichen zu verwenden.

Auf dieser Skala bekommst Du einen Überblick zu den Stufen zwischen Zeigen und Erzählen. Idealerweise bewegst Du Dich von „Innerhalb der Szene-Zeigen“ über „Zusammenfassung“ bis zu „Darstellung“.
„Zu viel Zeigen“ bedeutet, es wird alles im Leben der Figur gezeigt- ALLES. Was sie tut, denkt und fühlt, egal, wie irrelevant, egal, wie banal.
Auf der anderen Seite gibt es den Info-Dump, also werden Informationen runtergeleiert, der Lebenslauf einer Nebenfigur, die Politik des Weltenbaus. Damit langweilst Du die Lesenden, das willst Du nicht.

Jetzt kennst Du den Kern der Geschichte, wie Du eine Prämisse erstellst und die drei Techniken des Zeigens und wann Du sie verwendest.
Natürlich ist nichts in Stein gemeißelt und es steht Dir frei, so zu schreiben, wie Du willst.
Ich möchte Dir vermitteln, wisse, was Du tust und wie, denn Deine Fähigkeiten als Schriftsteller*in werden sich in Deinen Geschichten widerspiegeln und die Lesenden werden es merken.
Dies ist nun der erste Artikel in der Schreib-Enzyklopädie mit den Grundsätzen, die ich Dir mit auf den Weg geben möchte.
Vielen Dank für Deine Interesse, neugierige Seele!



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