Die Szene ist die kleinste Einheit, mit der Du Deine Handlung aufbaust, in ihr spielt sich das Leben Deiner Figuren ab.
Üblicherweise befinden sich mehrere Szenen in einem Kapitel, zum Beispiel so: (Szene+Szene)=Kapitel. Doch es liegt an Dir zu entscheiden, was Für Deine Geschichte am meisten Sinn macht. Du kannst auch jede einzelne zum Kapitel machen wie es in Stolz und Vorurteil von Jane Austen der Fall ist.
Da sich der Trend in Richtung kürzere Kapitel entwickelt, sogenannte „Chips-Kapitel“, die man schnell nacheinander „snacken“ kann, ist das eine Überlegung wert.

Die erste Szene schreiben

Mit ihr beginnt Deine Geschichte. Sie führt Deine Lesenden in eine neue Welt ein und genau deswegen trägt sie eine immense Aufgabe: Sie muss ihr Interesse wecken.
Wie erreichst Du das? Diese Punkte sollten drin sein.

Haken
Er könnte ein einziger Satz sein oder eine Sequenz. Hauptsache, er erfüllt seinen Zweck -Deiner Lesenden Neugierde wecken.
Manche Autoren sind der Meinung, der Haken gehöre in den ersten Satz, andere wiederum nehmen sich die ersten eins bis zwei Seiten Raum, um ihn in der Handlung entfalten zu lassen. Du kannst auch eine interessante Aussage als Epigraph voranstellen und dann direkt mit der Anfangssituation beginnen.
Diese Liste kann Dir sicherlich Inspiration bieten.

Typen von Haken
Eine Situation/ein Bild
Eine Vorausahnung
Eine Aussage zum Thema
Gedanken oder Gefühle der Figur
Ein interessanter Fakt
Medias res
Analogie
Ein Aufruf an die Leser
Eine gewagte Behauptung
Definition
Ein Dialogsatz
Eine Frage
Ein Satzfragment

Die Anfangssituation
Hast Du schon eine Idee, wie Deine Geschichte beginnt? Es gibt folgende Möglichkeiten:

In Medias res
Eine lateinische Phrase, die so viel bedeutet wie „mitten in die Dinge“.
Damit ist gemeint, Deine Figur befindet sich bereits in einer Situation in ihrem Leben und muss agieren, reagieren und etwas wollen. Üblicherweise verwendest Du In medias res, wenn Du eine handlungs -und actiongeladene Geschichte vorstellen möchtest, dann sagst Du aus: >>Hier geht es ab!<<
Beachte aber bitte, Du musst nicht gleich in halsbrecherische Action einsteigen. Wenn Deine Lesenden nicht den Überblick besitzen, worum es überhaupt geht und warum, sind sie schnell überfordert und klappen das Buch zu.
Starte im Geschehen, aber wenige Minuten davor. Kennst Du die Mission Impossible-Fimreihe? Sie macht es richtig. Die Filme beginnen in einer spannenden, aber noch ruhigen Situation, die sich dann zu einer schnellen Sequenz aufbaut.

Deine Hauptfigur stellt sich vor
Es funktioniert nach dem Muster: >>Hallo, ich bin XY, bin Z Jahre alt und ich bin eine AB.<<
Stelle ein paar Sätze zu ihrem Namen und ihren Umständen vor und gehe dann über zum Ziel und ihren Motivationen, die in eine konkrete Handlung übergehen.
Als Beispiel kann ich den Vampirroman Der Fürst der Finsternis von Anne Rice anführen. Diese Technik hat den Vorteil, dass die Lesenden die Bindung zur Hauptfigur am schnellsten aufbauen und Du kannst sie je nach Erzählton unterhaltsam gestalten.

Kulisse
Du kannst Deine Geschichte sogar mit der Beschreibung Deines Weltenbaus beginnen, doch behalte im Hinterkopf, dass dieser Weg womöglich nicht für alle Deine Lesenden interessant ist. Diese Methode muss wirklich meisterhaft umgesetzt werden, um den Sprung zu schaffen, daher kommt sie selten vor.

Worauf Du allerdings achten solltest, um Deine Lesenden nicht zu überfordern oder zu langweilen, sind diese Missgeschicke

Aufwachen und Tag beginnen
Es mag zwar naheliegen, die Geschichte mit dem Aufwachen zu beginnen, doch obacht, wen sollte es interessieren, was Deine Figur frühstückt oder wie sie ihre Zähne putzt und sich dann anzieht und -merkste, ne?
Überspringe diesen Teil und komme direkt zum relevanten.

Passive Figur
Selbst wenn Deine Figur noch nicht mit dem Hauptkonflikt in Berührung gekommen ist und noch nicht beginnt, ihr Hauptziel zu verfolgen, gar nichts zu machen, ist keine Option. Nun, es ist folgendermaßen: Es ist in Ordnung, wenn sie erst einmal damit beschäftigt ist, Informationen zu sammeln und Eindrücke zu gewinnen oder mit Monologen beschäftigt ist, aber gleichzeitig solltest Du ihr eine Richtung weisen. Kleine Ziele, das „Verlangen nach einem Glas Wasser“, wie es Kurt Vonnegut sagt. Oder ein Umzug von der warmen Heimat ins regnerische Kaff. Oder die Vorbereitung eines Festes zum Geburtstag des Onkels, egal, lass Deine Figur nicht herumstehen, gib ihr einen Grund, sich zu bewegen.

Zu viel Erklärung
Stelle Dir vor, Du triffst eine Person. Im Café in der Schlange vor der Kasse. Sie ist nett und ihr plänkelt ein paar Worte, während ihr wartet. Und dann packt sie ihren kompletten Lebenslauf vor Dir aus, ihre Traumata aus der Kindheit, warum sie genau die Kleidung trägt, die sie anhat und was sie morgens zum Frühstück hatte.
Ich will damit sagen, ein bisschen Erklärung brauchen Deine Lesenden, um sich zu orientieren, aber bitte mit Augenmaß. Gib Informationen in homöopathischen Dosen, gerade so viel, damit sie dranbleiben.

Merke, die erste Szene soll Neugierde wecken, nicht überfordern. Und Lektionen zur Hintergrundgeschichte haben hier erst recht nichts verloren, die kommen später dran.

Action ohne Erklärung
Das habe ich oben schonmal angesprochen, im Absatz über In medias res.
Vielleicht verleitet die Bedeutung „mitten in die Dinge“ dazu zu denken, es müsse direkt rasant losgehen, mit explodierenden Autos und lebensgefährlichen Einsätzen, doch so ist das nicht. Du darfst langsam beginnen. Gib Deinen Lesenden Raum und Zeit, die Figur kennenzulernen und sich mit ihr anzufreunden, bevor Du sie ins Chaos stürzst. Schreibe interessant, zügig, aber hetze nicht.

Vorstellung Deiner Hauptfigur

Je nachdem, welchen Anfang Du wählst, streue die ersten wichtigen Informationen über Deine Figur aus, also ihren Namen natürlich, wer sie ist, was sie tut. Was sind ihre Herausforderungen, welche Lüge blockiert sie, was erhofft sie sich vom Leben und welche Eigenschaften machen sie aus?

Aus irgendeinem Grund hat sich die Trope breitgemacht, dass sich die Figur im Spiegel anschaut und ihre Gesichtszüge beschreibt. Als ob es wichtig sei, zu wissen, dass sie zwei Augen hat, eine Nase und einen Mund. Spare Dir diese Nebensächlichkeiten und konzentriere Dich auf wenige, aber relevante Details, die wirklich etwas über sie preisgeben.

Du willst unbedingt die Augen beschreiben? Welche hat sie denn? Schaut sie neugierig? Oder kühl und berechnend? Oder hat sie Tränensäcke, weil sie mal wieder die halbe Nacht durchgelesen hat?
Wie sind ihre Bewegungen? Hastig, kontrolliert oder lässig?
Wo möchte sie hin? Zur Schule und deswegen beeilt sie sich, ihre Sneaker zu schnüren? Oder ist sie auf dem Weg zur Universität und schnakt mit einer Freundin in der Straßenbahn. Oder sie steht im Stau und flucht, weil sie droht, zur Arbeit zu spät zu kommen.
Solche Details sagen viel mehr über Deine Figur als ganze Person aus als die bloße äußerliche Beschreibung. Auch Kleidung sagt etwas über ihren Charakter aus, aber bleibe dabei sparsam. Eins, zwei Sätze reichen aus, um die wichtigsten Attribute zu benennen.

Und zum Schluss: Auf ihre Agenda kommt es an, die Taten Deiner Figur sagen mehr aus als tausend Beschreibungen.

Vorstellung der Welt

Zeige eine Kulisse, die für Deine Figur von persönlichem Wert ist, der Ort, in dem sie lebt, ihre Schule oder Arbeitsstelle, ihr Lieblingscafé. Und auch hier gilt, eines nach dem anderen. Worauf es ankommt, ist die Relevanz für den Plot. Mische sensorische Details mit emotionalen, die Deine Figur mit der Kulisse verbinden. Welche Erfahrungen teilt sie mit diesen Orten? Erschaffe eine persönliche Kulisse.

Erwartung und Thema setzen

Worauf dürfen sich die Lesenden in Deiner Geschichte freuen?
Stelle rechtzeitig sicher, dass die Lesenden das Instrument bekommen, mit denen sie erkennen, worum sich die Handlung drehen wird. Was muss Deine Figur lernen oder erfahren, was braucht sie?
Es gibt unzählige Themen da draußen, die Du Dir aussuchen kannst. Ein wenig Inspiration siehst Du hier.

Schuld und Unschuld
Individualismus und Gesellschaft
Pflicht und Selbstbestimmtheit
Hoffnung und Desillusionierung
Glaube und Zweifel

Aber konzentriere Dich auf das, was wirklich zu Deiner Geschichte passt und was sie Dir sagen will. Musst Du schon zu Anfang wissen, welches Thema drinsteckt?

Nein. Oftmals kristallisiert es sich erst im Laufe des Prozesses heraus. Stelle es Dir so vor, dass das Schreiben wie ein Dialog mit Dir selbst ist. Was in Dir schlummert, regnet sich im Text nieder und wird sichtbar. Wenn Du dann Dein Thema gefunden hast, kannst Du zurückgehen und die Stelle(n) in der Szene anpassen.
Sie können in Form eines Dialogs stattfinden, in einem Monolog oder sogar im Subtext.

Im Film Der Hobbit bekommt Bilbo von Gandalf so etwas gesagt wie, dass >>es ihm gut tun würde, aus seiner Komfortzone herauszukommen. Und sollte er von der Reise zurückkehren, dann nicht mehr als der, der er vorher war.<<

Und darum geht es auf der Reise in der Trilogie. Bilbo wächst über sich selbst hinaus und als er wieder nach Hause kommt, haben seine Erlebnisse und Erfahrungen ihn für immer verändert.

Typen von auslösenden Vorfällen

Manchmal findet der auslösende Vorfall noch in der ersten oder zweiten Szene statt, oft, gerade in längeren Geschichten, aber erst später.
Es gibt je nach Genre verschiedene auslösende Vorfälle, zum Beispiel ist es in der Romanze oftmals die erste Begegnung der Liebenden, das sogenannte Meeting Cute.
Im Krimi wird eine Leiche gefunden und im Horror ist könnte es die Heraufbeschwörung eines unbekannten, bösen Wesens sein.
Aber anstatt einfach zu übernehmen, was die Konvention vorgibt, schaue auf die Entwicklung Deiner Figur und was Deine Geschichte braucht.

Deine Lesenden kennen nun Deine Hauptfigur und wie sie lebt, sie haben eine Bindung zu ihr aufgebaut. Bringen wir ihre heile Welt ins Wanken!
Es gibt drei Möglichkeiten, wie ein der auslösende Vorfall stattfinden kann:

Aktiv durch die Hauptfigur ausgelöst
Sie selbst sagt oder tut etwas, was die Handlung durcheinanderbringt. Zum Beispiel wie in Die Tribute von Panem Die Hungerspiele. Katniss meldet sich freiwillig als Tribut, um ihre Schwester Prim davor zu bewahren. Ihre Entscheidung ist der Auslöser.

Ausgelöst durch eine andere Figur
In diesem Fall könnte es der Antagonist sein, der den ersten Zug macht, oder ein Mentor, oder aber das Liebesinteresse -jedenfalls erlebt Deine Figur dies mit, ohne selbst aktiv zu sein. Worauf es hier ankommt, ist ihre Reaktion.

Ein Ereignis weit weg
Manchmal findet der auslösende Vorfall nicht einmal in der Nähe Deiner Figur statt, sondern an einem anderen Ort, unter anderen Umständen, vielleicht sogar zu einer anderen Zeit.

Welches der Fälle zu Deiner Geschichte passt, hängt auch davon ab, ob sie handlungsgetrieben ist, figurgetrieben oder weltgetrieben.

Die letzte Szene schreiben

Mit ihr verabschiedest Du Deine Figuren und entlässt sie in ihr neues Leben.
Wenn Du es richtig machst, wird die Geschichte und das Gefühl, das sie ausgelöst hat, noch nach dem Lesen mitschwingen und Deine Lesenden beschäftigen.

Muss jede Geschichte mit einem Happy End enden?


Nein. Denn nicht jeder Konflikt kann positiv aufgelöst werden und nicht jede der Figuren kann danach so weitermachen wie zuvor. Und das ist auch gut so.
Wie Deine Geschichte ihren Abschluss findet, hängt stark davon ab, was Du mit ihr aussagen möchtest. Manchmal muss etwas traurig oder bitter enden, um das Thema angemessen zu transportieren.
Die Romanze muss nicht jedes Mal im Hafen der Ehe münden, der Täter im Krimifall könnte entkommen, woraufhin der Detektiv seine Lizenz abgibt, und in der Horror-Story könnte auch der letzte Teenie dem unheimlichen Wesen zum Opfer fallen. Geschichten bilden bis zu einem gewissen Grad auch das wahre Leben ab, also bleib realistisch.


Aber! Bedenke auch folgendes: Je länger Deine Geschichte dauert, je mehr Zeit und Emotionen Deine Lesenden in sie investieren, umso zufriedenstellender und lohnender sollte Dein Ende ausfallen.
Wie oft schon haben wir eine Serie auf Papier oder im Fernsehen mitverfolgt, mitgefiebert, um dann zu erleben, dass sie im letzten Kapitel zu kurz, zu gehetzt, nicht richtig aufgelöst, hingeschludert wurde.
Ich habe die Serie Game of Thrones nie geschaut und habe die Kritiken nur am Rande mitbekommen, aber in Frontier waren das Finale und das Ende wirklich zum Haare raufen.

Nimm Dir auch nach dem Höhepunkt genug Raum, um die Spannung abzuflauen, die letzten Fragen zu beantworten, zu zeigen, wie Deine Figur mit ihrer neuen Wahrheit umgeht. Wie zufrieden Deine Lesenden mit der Geschichte sind, hängt auch von der Auflösung ab.
Ich selbst stelle mir ein gutes Ende vor wie das Gefühl nach einem leckeren Mahl. Man ist gesättigt, warm und glücklich.

Wie Du die letzte Sequenz schreibst, kannst Du Dich hier inspirieren lassen. Dies ist eine Liste mit den bekanntesten Typen.

Der Kreis
Die Geschichte endet in einer ähnlichen Situation wie sie angefangen hat, und gibt der Anfangssequenz eine neue oder tiefere Bedeutung.

Moralisch
Deine Figur lernt eine Lektion.

Überraschung
Ein letzter plötzlicher Twist lässt Die Lesenden atemlos zurück.

Reflexion Deiner Figur
Deine Figur bleibt in einer Situation des Reflektierens über ihr Leben, die Fehler, die sie begangen hat oder was sie verpasst hat zu erleben.

Emotionales Ende
Eine Sequenz, die nochmal richtig auf die Tränendrüse drückt oder mit einem Lachen entlässt.

Der Cliffhanger
Spannung wird aufgebaut, aber nicht mehr aufgelöst. Obacht, Cliffhanger ist ein effektives Werkzeug, aber zu oft eingesetzt oder rücksichtslos Deinen Lesenden gegenüber, kann Ärger auslösen und sogar Vertrauen einbüßen.

Humor
Die Geschichte endet mit einer witzigen Situation, heiter und zum Schmunzeln.

Die Frage
Eine Fragestellung wird aufgebaut, aber nicht beantwortet. Diese bezieht sich womöglich auf einen Aspekt der Handlung, einer Figur oder dreht sich um das Thema.
Natürlich sollten die wichtigsten Fragen bereits vor dem Höhepunkt erledigt worden sein und diese eine wird neu angesprochen.

Ein Bild statt Erzählen
Anstatt zu erklären, endet die letzte Szene mit In medias res.

Dialog
Die Geschichte endet mit einem Dialog mehrere Figuren.

Der erste Teil des Artikels zum Thema Szene ist geschafft. Freue Dich auf den zweiten, denn dann gehen wir auf den Aufbau und Zyklus der Szene ein und was dazugehört, um das Erzähltempo zu beherrschen.

Vielen Dank für Deine Interesse, neugierige Seele! 😀

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